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hair saloonLiebe ist eine zeitlose Macht, die einen glücklich oder unglücklich machen kann. Auf jeden Fall ist Liebe voller Spannung, wirbelt das Leben durcheinander und vollbringt Unerwartetes. So erleben es auch meine Protagonisten ...

Gezähmt

Vier erotische Novellen

In meinem ersten Band erotischer Kurzgeschichten geht es um einen geheimnisvollen Anrufer, eine SM-Göttin, menschliche Ponys und um das Feuer, das man zwischen Mann und Frau entfachen kann, wenn man sich seine Fantasien gesteht – und ausprobiert ...
Eine unterhaltsame Zusammenstellung sinnlicher Geschichten mit den Schwerpunkten Dominanz und Unterwerfung, Spanking und … lasst euch überraschen, was meinem Kopfkino alles eingefallen ist.

Gezähmt

erschienen Sept. 2010 bei Ubooks

Taschenbuch ISBN 978-3-86608-148-2

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Leseprobe aus der Kurzgeschichte: Die SM-Göttin

Diesmal war ihr der Verlauf der Lesung aus einem besonderen Grund wichtig, denn sie hatte etwas Neues ausprobiert, war ein wenig härter geworden in ihrer Erzählung und sie wollte es an den Mienen ihrer Zuhörer ablesen, ob sie gierig darauf waren, mehr zu hören, mehr vom Leiden ihrer Protagonistinnen. Ob sie sich wünschten, selbst diese zu sein oder erleichtert über ihre Zuhörerrolle waren. Ob sie zwischen Faszination und blankem Entsetzen schwankten.

Bis jetzt lief alles gut. Penelope war darin geübt vorzulesen, mit ihrer Stimme die Szenen und die Gespräche zu modulieren, und zwischendurch sekundenschnell in die Gesichter zu schauen. Ihr neues Konzept schien gut anzukommen. Die Zuhörer hingen wie gebannt an ihren Lippen.

Auch die anschließende Autogrammstunde war ein Plus für Penelopes Eitelkeit. Sie liebte es im Mittelpunkt zu stehen, die Neugierde in den Augen des überwiegend weiblichen Publikums zu sehen, sich selbst hinter ihrem Pseudonym in Sicherheit wähnend. Penelope Pan. Zwar kursierten einige Gerüchte im Internet und es gab Fotos, die sie auf ihren Lesungen zeigten, obwohl das Fotografieren streng verboten war. Aber noch hatte niemand ihre wahre Identität gelüftet.
Zu den wenigen männlichen Fans zählte auch dieser Mann, zu dem Penelope trotz ihrer stolzen ein Meter achtundsiebzig und der Stilettos ein wenig aufsehen musste. Er hatte bis zuletzt ganz hinten gesessen, hatte sich als einziger kein Autogramm geholt, sondern sich unter diejenigen gemischt, die noch auf ein Glas Wein und einen kleinen Plausch geblieben waren und lebhaft miteinander diskutierten.

«Zunächst herzlichen Glückwünsch, Frau Pan. Sie beherrschen die Performance, Ihre erotischen Romane ins rechte Licht zu setzen, obwohl diese alles andere als realistisch sind», begann der Fremde das Gespräch, mit der Andeutung eines Lächelns auf seinen schön geschwungenen Lippen.

Es gab nur wenige Zuhörer, die sich trauten, offen und ehrlich eine derart direkte Kritik anzubringen. Das las man eher in den Foren, in den Rezensionen der Online-Shops und der einschlägigen Zeitschriften, wo es als Autor oder Verlag nicht so einfach war, kontra zu geben. Wobei Penelope sehr verwöhnt war. Schlechte Kritiken gab es selten und wenn, fielen sie durch schlechte Grammatik und Wortwahl auf, so dass Penelope sie guten Gewissens ignorieren konnte.

Das ist mal etwas Neues, dachte Penelope, dass es jemand wagt, mit mir öffentlich zu diskutieren. Studien ihres Verlages hatten ergeben, dass rund vierzig Prozent ihrer Stammleser Männer waren. Weitaus mehr als Penelope vermutet hätte, da bei ihren Lesungen in der Regel nur wenige Männer anwesend waren. Aber immerhin ein durchaus ernst zu nehmender Anteil. Sie sollte sich also wenigstens anhören, was der Fremde ihr zu sagen hatte und nicht zu brüsk reagieren, wenn ihr seine Meinung nicht gefiel.

«Romane müssen nicht realistisch sein. Sie sollen einfach nur unterhalten und zum Träumen anregen», erwiderte sie mit einem souveränen Lächeln. «Mehr will ich gar nicht erreichen.»

«Da haben Sie völlig recht, Frau Pan. Aber in diesem speziellen Fall, in Sachen SM-Romane, vor allem Ihren Neuesten betreffend, muss ich Ihnen leider widersprechen. Ist es wirklich nötig so sehr zu übertreiben? Ihre Protagonistin ist eine selbstbewusste, erfolgreiche und ziemlich toughe Frau, die unterwürfig und winselnd um harte Bestrafung und Erniedrigung bettelt …» Er hielt inne, beugte sich zu ihr herunter und flüsterte: «Seien Sie ehrlich. Das ist doch nur etwas für die ganz harten, aber nicht für das Gros Ihre Leserinnen! Würden Sie so etwas tun? Sich derart demütigen?»

«Ich?» Penelope lachte gekünstelt. Sie bemühte sich vergeblich den Mann einem bestimmten Menschentyp zuzuordnen und sich auszumalen, was er von ihr wollte. Aber er war viel zu beherrscht, die Miene ohne besondere Regungen. Von oben bis unten war er perfekt gestylt, in einem dunklen Anzug, bestimmt ein Geschäftsmann. Sie musste versuchen, ihn möglichst bald loszuwerden. Derart dominante Typen verunsicherten sie und falls er rhetorisch gut beschlagen war, würden ihr irgendwann die Argumente ausgehen, das wusste sie genau.

«Die Figur ist Ihnen ähnlich.» Er musterte sie ungeniert über den Rand seines Rotweinglases hinweg, während er nippte. Die kleine Grube der Oberlippe war besonders stark ausgeformt und Penelope dachte, genau so wie er aussah, würde sie ihren nächsten Helden beschreiben. Besser gesagt, ihren Antihelden, wenn er so weiter machte und sie kritisierte. «Ja, ich glaube, sie ist Ihnen sogar sehr ähnlich.»

«Haha, Sie kennen mich doch gar nicht. Das ist doch alles nur ausgedacht und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen zufällig.» Diesen Satz hatte Penelope provozierenden Journalisten gegenüber schon häufiger gebraucht, so dass er ihr leicht und flüssig von den Lippen kam. Aber ihr Gegenüber schien dies nicht zu beeindrucken.

«Ja gewiss, ausgedacht. Sie haben das, worüber Sie schreiben, noch nie selbst erlebt, sonst hätten Sie es ganz anders erzählt. Aber Ihre Heldin ist Ihnen in Ihren geheimen Wünschen und Ihren Ängsten sehr ähnlich.»

Penelope wurde ungeduldig. Ein Hobby-Psychologe, das fehlte ihr gerade noch. Oder war er möglicherweise Psychiater?

«Ich weiß nicht, wie Sie das meinen. Als Krimiautor muss man schließlich auch nicht erst jemanden ermorden, um darüber zu schreiben. Also was soll das?»

Er machte eine beschwichtigende Geste. «Entschuldigung, ich wollte Sie nicht kränken. Nur finde ich, eine SM-Geschichte sollte schon ziemlich realistisch klingen. Immerhin wird sie auch von Menschen gelesen, die das gerne mal ausprobieren würden, oder sogar selbst leben. Ein Mörder wird wohl kaum Krimis lesen, um sich Anregungen zu holen. Der ist so krank im Kopf, dass er seine Tat von ganz alleine plant und durchführt.»

Penelope war für einen Augenblick sprachlos. Niemand, wirklich niemand, nicht einmal der pfiffigste Journalist hatte ihre Argumentation bislang auf diese Weise entkräftet. «Aber – es sind doch nur Geschichten, die unterhalten sollen!», presste sie endlich hervor. «Wenn Ihnen meine Romane nicht gefallen, warum lesen Sie sie dann überhaupt?»

«Bisher hat mir alles gefallen, was Sie geschrieben haben, Frau Pan. Es war einfühlsam, sinnlich, aufregend. Genauso wie ich es mag», flüsterte er und beugte sich vor. «Man könnte behaupten, Sie sind eine Göttin der SM-Romane. Allerdings droht die Göttin gerade abzustürzen. Ein SM-Roman ist viel mehr als bloße Unterhaltung. Das wird gelebt, gelitten, nachgespielt, dient manchen Lesern als Anregung. Ich finde, Sie sollten Ihren Stil nicht ändern. Bisher war jeder Ihrer Romane ein erotischer Traum!»

«Ach, ich finde, man muss auch mal etwas anderes ausprobieren. Wenn es Ihnen nicht gefällt, dann schreiben Sie doch selbst einen Roman, wenn Sie glauben, dass Sie es besser können», erwiderte Penelope schnippisch und völlig aus dem Konzept gebracht. Im selben Augenblick bereute sie, so heftig und unqualifiziert reagiert zu haben. Sie sollte ihn nicht verärgern. Aber wenn sie sich in die Enge getrieben gefühlte, dachte sie nicht mehr lange nach, sondern antwortete, was ihr gerade in den Sinn kam.

Ihr Gegenüber verzog keine Miene und antwortete in erstaunlich freundlichem Ton. «Ich habe nicht behauptet, dass ich das kann oder will. Sie sind die Schriftstellerin und eine begnadete noch dazu, mit einem überaus fantasievollen Kopfkino. Sie sollten für konstruktive Kritik offen sein. Nur so kann man sich entwickeln und noch besser werden, finden Sie nicht?»

Penelope schnaubte ungehalten. Am liebsten hätte sie sich einfach umgedreht und wäre gegangen. Der Raum hatte sich mittlerweile weitgehend entleert und anstelle der indirekten Deckenbeleuchtung, die den kleinen Saal in ein warmes dezentes Licht getaucht hatte, waren die Wandleuchten eingeschaltet worden. Zwei Bedienungen räumten Gläser und Flaschen auf einen Servierwagen und die Vertreterin der organisierenden Buchhandlung packte die letzten nicht verkauften Exemplare in einen Karton.

«Ich finde, Sie sollten Erfahrungen sammeln, am eigenen Leib diese Mischung aus Schmerz und Lust erleben, bevor Sie – mit Verlaub – noch mal einen solchen Unsinn schreiben.»

Es wurde immer gefährlicher, sich mit ihm anzulegen. Wenn sie ihm zu vehement kontra gab, stand am nächsten Tag vielleicht in irgendeiner Zeitung oder einem Internetforum zu lesen, sie wäre verbohrt und zickig.

Penelope bemühte sich um einen nicht aggressiven Tonfall. «Sind Sie Journalist oder warum provozieren Sie mich?»

Er schüttelte den Kopf und lächelte. «Nein. Keine Sorge, unsere kleine Unterhaltung wird morgen nicht in der Presse erscheinen. Ich bin ein ganz normaler Leser. Und ein BDSM-Liebhaber.»

Das fehlte ihr gerade noch. Der Kerl kannte sich wahrscheinlich wirklich aus. Ein kleines Grübchen zuckte in seinem linken Mundwinkel, während er ihre Reaktion abwartete.

Unter anderen Umständen hätte Penelope sich vielleicht für ihn als Mann interessiert. Solange er nicht den Mund aufmachte und redete, wirkte er gut situiert, gut gekleidet und sehr selbstbewusst.

Ihre letzte Beziehung lag einige Zeit zurück. Es war ihr bewusst, dass sie selbst als Frau nicht einfach war. In Streitfragen pochte sie stets auf ihre Meinung und hatte häufiger den Vorwurf zu hören bekommen, sie wäre rechthaberisch und kompliziert. Den meisten Männern waren solche Konflikte auf die Dauer zu anstrengend und sie suchten das Weite.

Der Fremde strahlte eine erstaunliche Gelassenheit aus und machte auf sie den Eindruck, als ob er nicht aufgeben würde. Welches Ziel verfolgte er? Wer war er? Ein Geschäftsmann, ein Makler oder Versicherungsagent, jemand, der es gewohnt war, auf Widerstand zu treffen und diesen rhetorisch zu brechen? Es war sicherer, den Rückzug anzutreten, als sich auf weitere Diskussionen einzulassen. Penelope hasste es, einen Disput zu verlieren und sie befürchtete von Minute zu Minute mehr, dass sie ihm nicht gewachsen war.

«Okay», lenkte sie mit einer versöhnlichen Geste ein. «Sie haben mir Ihre Meinung gesagt, ich akzeptiere das und werde darüber nachdenken. Auf Wiedersehen und noch einen schönen Abend.»

Das amüsierte Lächeln verstärkte sich. Dieser blasierte Kerl. Was wollte er denn noch von ihr?

«Lassen Sie uns spielen!»

«Wie bitte?» Penelope zog die Augenbrauen hoch.

«Lassen Sie uns die von Ihnen beschriebenen Szenen gemeinsam nachspielen.»

Spielen? Er und ich? Der ist wohl übergeschnappt! Ich kenne ihn doch überhaupt nicht. Für Sekunden glaubte Penelope, er hätte einen Scherz gemacht und würde gleich anfangen zu lachen. Doch sein Gesichtsausdruck war auf einmal überaus ernst und seine Augen fixierten sie ohne einen einzigen Lidschlag zu machen.

«Sie könnten von mir lernen.»

«Sie – Sie sind ja wohl vollkommen verrückt!»

 

© Sira Rabe