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hair saloonLiebe ist eine zeitlose Macht, die einen glücklich oder unglücklich machen kann. Auf jeden Fall ist Liebe voller Spannung, wirbelt das Leben durcheinander und vollbringt Unerwartetes. So erleben es auch meine Protagonisten ...

Opfer der Leidenschaft

Inka Loreen Minden

Erotischer Roman, Gay Historical Crime Story, erschienen im deadsoft Verlag
ISBN: 978-3-93444-281-8

Ein Mörder geht in London um. Seine Opfer: Männer, die Männer begehren. Detektive Derek Brewer von Scotland Yard versucht dem Killer auf die Schliche zu kommen und merkt nicht, dass er sich längst in dessen Nähe befindet.
Simon Grey, der Earl of Torrington, hat ein Geheimnis. Viele meiden ihn wegen seiner düsteren Vergangenheit – doch welch dunkle Leidenschaften verbirgt er wirklich?
Zwei ungleiche Männer, verbotene Lust und spannende Kriminalfälle im London des 19. Jahrhunderts.

Leseprobe  opfer-der-leidenschaft

Derek schob einen Finger unter das eng anliegende Leder, um sich an der Nase zu kratzen. Wie er diese Maske hasste! Er schwitzte darunter wie eine Küchenmagd vor dem Herd. Hier musste er die Gesichtsbedeckung jedoch tragen. Das war Vorschrift. Nicht, dass er wild darauf wäre, erkannt zu werden. Diese Anonymität kam ihm gerade recht.
Seufzend lehnte er sich im Sessel zurück, streckte die Beine aus und gähnte herzhaft. Wie jede Nacht in den letzten vier Wochen befand er sich auch heute im Sherman House. Das war ein nobles Etablissement, in dem Männer sich mit Männern trafen, um sich körperlichen Gelüsten hinzugeben. Nur Eingeweihte kannten diesen Treffpunkt; offiziell war das Sherman House als exklusiver Herrenclub bekannt. Sodomie wurde hart bestraft. Derek tat also gut daran, sein schmutziges Geheimnis zu wahren. Aber er war ja nicht zu seinem Vergnügen hier. Derek Brewer suchte einen Mörder.
Er seufzte erneut, nippte an seinem Wein und murmelte: »Langweilig.« Gereizt fuhr er sich durch sein braunes Haar. Selbst auf seiner Kopfhaut schwitzte er. Hier drin war es viel zu warm und stickig. Außerdem zerrte die Musik an seinen Nerven.
Derek warf einen flüchtigen Blick auf den Klavierspieler, einen Burschen von etwa achtzehn Jahren. In welcher Schenke hatte Oliver den bloß aufgetrieben? Der Mann spielte furchtbar. Vielleicht erkannte er lediglich seine Noten nicht. Bloß drei Leuchter erhellten den großen Salon und sorgten für schummriges Licht. Derek saß in einer Ecke des Raumes, von wo aus er einen wunderbaren Überblick hatte und die beiden Türen im Auge behalten konnte. Er bekam genau mit, wer kam und wer ging. Außerdem brauchte er nur seine Hand zum Buffet ausstrecken, damit er sich am Essen bedienen konnte.
Derek stellte sein Glas ab, griff nach einem Bündel Weintrauben, pflückte eine süße Beere nach der anderen ab und ließ sie genüsslich im Mund verschwinden. Wenigstens das Essen war vorzüglich. Sein Freund Oliver Clearwater, der das Sherman House unterhielt, scheute keine Kosten. Allerdings ließ er sich jeglichen Service eine Menge kosten, weshalb hauptsächlich vermögende Kaufleute oder Adlige hier anzutreffen waren.
Ein Herr schlenderte an Derek vorbei, ein richtiger Geck in einem weinroten Frack, und streifte dabei sein Knie. Eine stumme Aufforderung, mit ihm nach oben zu gehen.
Derek schüttelte den Kopf, ohne ihn weiter zu beachten.
Eine Zeitlang beobachtete er einen dicken Alten, dem in Strömen der Schweiß unter der Maske hervorlief, nur weil ein junger Gespiele auf seinem Schoß saß und die Hände unter seine Weste geschoben hatte. Alle Anwesenden im Salon waren bekleidet. Hier sollte es relativ sittsam zugehen. Wer mehr wollte, musste die privaten Räume aufsuchen oder eine jener »Lusthöhlen«, wo man sich mit mehreren Partnern vergnügen konnte. Im Keller des Gebäudes gab es außerdem richtige Verliese, in denen die wirklich harten Akte stattfanden.
Derek wusste, wer der korpulente Mann war: Sir William Shaklesbridge. Der viel jüngere auf seinem Schoß war sein Kammerdiener. Die beiden kamen immer zusammen her, wahrscheinlich, damit Shaklesbridges Frau nichts von ihrer Liaison mitbekam.
Derek hatte in den vergangenen Wochen alle regelmäßigen Besucher bis zu ihren Wohnsitzen verfolgt, um ihre Identitäten zu enthüllen. Bisher hatte ihn allerdings noch keine Spur zum Mörder geführt, der seine Opfer hinterrücks erstach, immer, wenn sie nach ihren »Vergnügungen« auf dem Weg nach Hause waren. Alle drei ermordeten Adligen waren Kunden des Sherman House gewesen. Das hatte Derek sehr schnell herausgefunden.
Chief Inspektor Brown von Scotland Yard hatte Derek gebeten, den Fall zu übernehmen, weil Derek die Straßen Londons wie seine Westentasche kannte, Kontakt zum »Untergrund« hatte und dank seiner Vergangenheit allerlei Vorteile aufwies. Derek war nicht stolz auf das, was er früher getan hatte, dennoch freute es ihn, helfen zu können. Er liebte die Polizeiarbeit.
Oliver war direkt erleichtert gewesen, dass Derek mit dem Fall betraut worden war. Derek verstand ihn. Sein Freund, den Derek als Einzigen eingeweiht hatte, wollte die Sache schnell geklärt haben, könnte es doch ein schlechtes Licht auf sein Etablissement werfen. Noch war zu keinem der Anwesenden durchgedrungen, dass der Mörder offensichtlich ein Sodomitenhasser war, und dabei sollte es auch bleiben. Keine Panik – die Geschäfte mussten weiterlaufen.
Derek hatte Inspektor Brown, der von einem gewöhnlichen Straßenräuber ausging, bisher ebenfalls nicht erzählt, dass die drei Opfer alle eines gemeinsam hatten. Derek war kaum besser als diese Männer, die sich vor seinen Augen geradezu schamlos benahmen, und der Inspektor sollte das niemals erfahren. Sir William, zum Beispiel, steckte seinem Kammerdiener die Zunge in den Mund, während sich auf einer Chaiselongue zwei andere Herren durch ihre Hosen mit der Hand befriedigten. Das Schauspiel musste Derek sich nicht weiter antun. Er holte tief Atem, warf die leergepflückte Traubenrispe zurück auf den Teller und erhob sich. Er sollte gehen und mal wieder ordentlich ausschlafen. Es war bereits kurz vor ein Uhr morgens. Draußen erwarteten ihn eine laue Sommernacht und ein wenig bessere Luft als hier drin. So wie es schien, würde er heute an keine neuen Informationen kommen. Lust auf ein schnelles Abenteuer hatte er nicht. Nicht mit einem von ihnen. Hier war kein Mann, der ihn interessierte. Diese aufgeblasenen Adligen, die vor keiner Perversion zurückschreckten, vermochten seine Leidenschaft schon lange nicht mehr zu wecken. Die meisten ließen alles mit sich anstellen und gierten stets nach härteren Praktiken. Das war nicht das, was Derek wollte. Außerdem musste er morgen zu einem Klienten. Inspektor Brown hatte Derek einen neuen Fall besorgt, einen, bei dem ihm ein Bonus obendrauf bezahlt wurde. Beim Sodomitenmörder trat er ohnehin auf der Stelle. Er schlug immer dann zu, wenn Derek im Sherman House war – es war frustrierend. Vielleicht hatte Derek bei seinem neuen Auftrag mehr Glück. Er brauchte das Geld, denn er wollte sich endlich eine anständige Wohnung leisten. Alles, was er sich neben der Polizeiarbeit dazuverdienen konnte, kam ihm gelegen.
Gerade war er auf dem Weg zum Ausgang, als die Tür aufschwang. Ein großer Mann trat ein, den Derek hier noch nie gesehen hatte. Sein Puls beschleunigte sich. Ein Neuzugang kam selten vor und stattlich sah er außerdem aus. Auf den ersten Blick unterschied er sich kaum von den anderen: Er trug lange Hosen in dezentem Schwarz, ein blütenweißes Hemd, eine Weste und einen Frack. Um den Hals hing einer dieser modernen Männerschals: schillernde, dunkelgrüne Seide. Der Neue war ebenso perfekt angezogen wie die anderen. Aber da lag etwas in seiner ganzen Erscheinung … Die Gespräche verstummten.
Er strahlte eine gewisse Unschuld aus. Er war womöglich noch rein, unverdorben – auf jeden Fall ein Spiel wert.
Dereks Herz schlug schneller. Vielleicht wurde die Nacht doch ganz interessant.
Wie alt mochte er sein? Von seiner Position hier hinten im Raum konnte Derek das schlecht schätzen, dazu war es zu düster. Ihm stachen jedoch die schlanke Figur und die schwarzen Haare ins Auge, die im Kerzenschein glänzten wie das Gefieder eines Raben. Keine grauen Strähnen.
Seufzend fuhr sich Derek durch sein eigenes Haar, wobei er aufpassen musste, dass seine Halbmaske aus Leder nicht verrutschte. Der Fremde trug natürlich auch einen Gesichtsschutz, einen relativ großen, wie die meisten Gäste; seine Lippen waren dennoch gut zu erkennen. Im Moment hatte er sie fest aufeinander gepresst. Er wirkte nicht arrogant; kein bisschen überheblich, wie mancher Dandy hier. Eher unsicher, eingeschüchtert, so verloren, wie er an der Tür stand, bevor er seine Schultern straffte und einige Schritte in den Salon machte.
In Dereks Magen kribbelte es. Das wäre ein Gespiele nach seinem Geschmack. Derek erkannte auf Anhieb, wenn er einen absoluten Neuling vor sich hatte. Sein Jagdinstinkt war geweckt. Er wollte ihn unbedingt, bevor ihn ein anderer wegschnappte.
»Frischfleisch«, hörte er die Anwesenden tuscheln, die gierig ihre Hälse nach dem Besucher reckten.
Derek schoss jedoch ein anderer Gedanke durch den Kopf: Potenzieller Mörder. Sein Atem stockte. Der Herr war einfach zu perfekt, zumindest äußerlich. Er musste diesen Mann beobachten, durfte sich nicht durch seine eigenen Vorlieben ablenken lassen.
Vorsicht Derek!, ermahnte er sich. Vielleicht markierte der Ankömmling nur den Unschuldigen. Er konnte durchaus der Killer sein, der mit ihnen allen spielte.


Unschlüssig stand der Neue im Raum. Obwohl er eher unaufdringliche Kleidung trug, offenbarte die Qualität des Stoffes, dass er viel Geld besaß. Reiche Liebhaber waren im Sherman-House die begehrtesten Objekte, nicht nur in körperlichen Angelegenheiten.
Seufzend studierte Derek seine Gestalt und nippte dabei am Wein. Der Mann war groß, breitschultrig und besaß bestimmt Kraft. Er könnte einen wunderbaren Killer abgeben, nur – wer konnte das nicht. Jeder hier war verdächtig, selbst der Kammerdiener, der nun nicht mehr am dickbäuchigen Sir William herumspielte, sondern den Blick ebenfalls auf die »frische Ware« gerichtet hielt. Die beiden hatten eine Vorliebe für hemmungslose Dreier.
Der Mann schaute sich um und schlenderte dann zum Tisch mit den Speisen. War ein Killer so unverfroren und suchte sich sein nächstes Opfer direkt vom »Buffet« aus?
Derek ging einige Schritte näher an ihn heran, um ihn zu studieren. Er tat selbst so, als interessierte ihn das Essen, wobei er einen Blick zur Seite warf. Der Neue besaß lange, schlanke Finger, die leicht behaart waren. Die Nägel sahen gepflegt aus, dennoch verrieten Hände oft das wahre Alter eines Menschen. Dereks Blick wanderte höher. Um die Mundwinkel hatte er wenige Fältchen – Gott, was für sündhafte Lippen! –, worauf Derek ihn auf Anfang dreißig schätzte, also kaum älter als er selbst.
So alt und doch wirkte er wie ein unschuldiger Knabe? War sein Verhalten aufgesetzt?
Manchen Anwesenden dieses Etablissements war es egal, wie alt ihre Liebhaber waren oder wie sie aussahen, wenn sie nur reich genug waren. Sie legten lediglich Wert darauf, von ihnen ausgehalten zu werden. Aber Derek war kein Kostverächter – er brauchte auch etwas fürs Auge, und dieser Mann schien nicht nur vermögend zu sein, sondern war genau nach seinem Geschmack!
Derek versuchte ruhig weiter zu atmen und sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Er musste irgendwie an ihn herankommen, herausfinden, wer er war, ob er wirklich bloß hierher gekommen war, um sich zu vergnügen, oder ob er dunklere Absichten besaß.
Sofort wurde der Neue von mehreren Herren umrundet und begafft wie ein englisches Vollblutpferd. Der Besucher griff nach einem Champagnerglas und leerte es in einem Zug. Trotz des Dämmerlichts sah Derek, wie dessen Hände zitterten. Er war also alles andere als ruhig, aber ein guter Schauspieler; er versteckte seine Nervosität vorzüglich.
Die Herren bedrängten ihn weiterhin, begannen sogar, ihn zu berühren und Wetten abzuschließen, für wen sich der Frischling entscheiden würde. Jeder wollte ihn für sich, doch er schien es sich nun anders zu überlegen. Er stellte das Glas zurück auf den überladenen Tisch, bahnte sich elegant einen Weg durch die Maskierten und steuerte die große Flügeltür an, durch die er gerade erst gekommen war. Leider versperrten ihm zwei weitere Männer, die süffisant lächelten, den Ausgang. Offensichtlich hatten sie es ebenfalls auf ihn abgesehen. Er saß in der Falle!
»Wohin denn so eilig, mein Süßer?«, gurrte Sir William und kniff dem Neuen in den Hintern.
Derek sah, wie sich die Hände des Herrn zu Fäusten ballten. In seinem Magen kribbelte es vor Unruhe. Wenn das der Mörder war! Er durfte nicht entkommen. Das war Dereks einmalige Chance!
Und wenn er kein Killer war, dann … Sein Beschützerinstinkt verdrängte den Jagdtrieb.
»Er ist für diese Nacht schon vergeben, meine Herren!«, rief Derek mit verstellter Stimme.

© Sira Rabe