^Back To Top
foto1 foto2 foto3 foto4 foto5 foto6 foto7 foto8 foto9 foto10

hair saloonLiebe ist eine zeitlose Macht, die einen glücklich oder unglücklich machen kann. Auf jeden Fall ist Liebe voller Spannung, wirbelt das Leben durcheinander und vollbringt Unerwartetes. So erleben es auch meine Protagonisten ...

Dornröschen

Eine bisher unveröffentlichte Novelle von Sira Rabe

Dornröschen

Märchen sind zeitlos. Man bekommt sie erzählt, wenn man klein ist und noch nicht lesen kann. Später verdrängt man sie meistens aus seinem Gedächtnis, weil man sich für Märchen zu erwachsen fühlt. Und dann findet man eines Tages zu ihnen zurück, wenn man begreift, dass sie sich immer wieder aufs Neue ereignen und etwas ganz Wundervolles sind …

Es war einmal vor gar nicht so langer Zeit ein reicher Industrieller und seine Gattin, die beklagten jeden Tag aufs Neue, dass sie keine Nachkommen hätten. Dabei gaben sie sich alle nur erdenkliche Mühe, ein Kind zu zeugen. Oft hatten sie schon morgens vor dem Aufstehen Sex miteinander und am Abend noch einmal. Die Gattin nämlich konnte gar nicht genug davon bekommen und wenn ihr Mann des Abends vom Nachdenken, Delegieren und Beaufsichtigen seiner Angestellten müde war und keine Lust hatte, dann triezte und piesackte sie ihn solange, bis er sich genötigt sah, ihr erotisch den Hintern zu versohlen und das half immer. Denn wenn seine Gemahlin über seinen Schenkeln lag und ein ums andere Mal vor Wonne seufzte und stöhnte, strampelte und spielerisch versuchte seiner züchtigenden Hand zu entkommen, so dass er sie festhalten oder fesseln musste, dann wurde ihm ganz warm im Schoß und sein Spross ganz hart und groß, so dass er es ihr bald darauf ordentlich besorgte.
Aber leider half alles nichts. Vergeblich warteten die beiden Jahr um Jahr auf ein Kind, das ihr Glück vollkommen gemacht hätte.

Eine der Vorlieben von Eleonore, der Gattin, war, in einem Seerosenteich im Garten zu baden. Wenn es heiß war und die Sonne zwischen dem frischen Grün der schattenspendenden Platanen hindurch linste, gab es für Eleonore nichts Schöneres. Ganz alleine und völlig nackt stieg sie in den Teich hinein, blinzelte verträumt in das Sonnenlicht und genoss die Natur rundum. Denn ihr Mann war ein erfolgreicher Produzent biologischer Düngemittel und testete seine Produkte auch in seiner eigenen Garten- und Parkanlage. So kam es, dass ihre Villa vor den Toren Mailands immer mehr in einem von duftenden Blumen und üppig grünenden Bäumen beherrschten Biotop versank.
Da trug sich eines Tages zu, als Eleonore wieder einmal alleine auf einer der Stufen saß, die in den Teich führten, und laut seufzend dem Himmel ihr Leid klagte, dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land hüpfte und munter vor sich hin quakte. Eleonore streckte ihre Hand nach ihm aus und streichelte behutsam seine feuchte glatte Haut, denn ihr graute vor nichts. Sie fand alle Lebewesen schön. Es kam ihr vor, als spräche der Frosch mit ihr und mache ihr Mut.
»Dein Wunsch wird erfüllt werden. Ehe ein Jahr vergeht, wirst du ein Töchterlein zur Welt bringen.«
Sie sah ihm verträumt nach, als er kurz darauf weiter hüpfte, auf eines der breiten Seerosenblätter und war auf einmal voller Zuversicht.

Was der Frosch vorausgesagt hatte, das geschah tatsächlich. Eleonore gebar ein Mädchen, das war so schön, dass sie es Röschen nannten. Ihr Mann Gregory war vor Freude ganz außer sich und veranstaltete ein großes Fest. Von nah und fern kamen Verwandte, Bekannte und Freunde. Denn die Familie war groß und international, und diejenigen, die nicht zu ihrer Hochzeit angereist waren, würden hoffentlich diesmal kommen. Endlich gab es einen gebührenden Anlass, allen seinen schönen Besitz, die Villa und die Rosen zu zeigen und seine kleine Familie zu präsentieren.
Gregory war in London geboren und hatte später die Welt bereist, war in New York, Paris, München, Wien und Barcelona gewesen, ehe es ihn nach Mailand verschlagen hatte und er sich unsterblich in die schöne Eleonora verliebte, die Tochter einer verarmten Mailänder Adelsfamilie. Jetzt aber erst war sein Glück vollkommen.
Zu der weitläufigen Verwandtschaft zählten auch Eleonoras italienische Tanten, die dem Brauch zufolge an einer eigenen Tafel sitzen und von zwölf Tellern mit goldenem Rand essen sollten. Dem einzigen wirklich wertvollen Erbstück aus der Familie ihrer Mutter, das sie als Mitgift in die Ehe gebracht hatte. In der Familie herrschte der Aberglaube vor, dass die guten Wünsche derjenigen, die von diesen Tellern speisten, alle in Erfüllung gehen würden.
Leider hatte Eleonora aber dreizehn Tanten und so beschlossen sie und Gregory, die jüngste der Tanten nicht einzuladen, da sie einen gar liederlichen und unkeuschen Lebenswandel hatte. Sie fürchteten sich davor, dass dies auf ihr unschuldiges Töchterlein überspringen könne.

Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert und als es sich zu Ende neigte, trugen die Tanten der Tradition entsprechend ihre guten Wünsche vor: die eine versprach Tugend, die andere Schönheit, die dritte Reichtum, die vierte Klugheit, die fünfte Sprachtalent, und so ging es weiter mit allem, was man einem Kind für die Zukunft auf der Welt wünschen kann.
Als die elfte Tante eben ihren Spruch getan hatte, stürmte plötzlich die dreizehnte herein, die junge Morgana. Alle Männer starrten sie mit aufgerissenen Mündern an, denn sie war überaus attraktiv, in eine enge schwarze Korsage gekleidet, schulterfrei und mit tiefem Dekollete, dazu ein nur knielanger und ziemlich transparenter Rock aus duftigem Tüll und knallrote Schnürstiefel. Ihre langen schwarzen Locken hatte sie hochgesteckt, ein paar davon fielen ihr ins Gesicht und auf die Schultern, was ihr ein wildes Aussehen gab. Die Frauen hakten sich sofort empört bei ihren Ehegatten ein, als hätten sie Angst, diese könnten ihnen abspenstig werden und es war nicht zu übersehen, wie einigen vor steigender Erregung der Schweißperlen auf der Stirn standen.
Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten drehte sich Morgana in der Runde. Sie musterte einen jeden und blinzelte kokett. Diejenigen, denen sie zu nahe kam, wichen zurück. Die Frauen mit gesenktem Blick, als fürchteten sie, von Morgana verhext zu werden. Die Männer mit eher gespieltem Entsetzen, denn fast jeder hätte sich gerne von diesem rassigen Weib mit dem selbstbewussten Blick bezirzen lassen. Eine Nacht mit ihr, dafür hätte mancher alles gegeben.
Morgana grinste frech in die Runde. »Wie ich sehe, habt ihr schon alle frommen Wünsche losgelassen, ihr verlogenes heuchlerisches Gesindel.« Sie lachte laut und warf dabei den Kopf in den Nacken. »Das einzige, was ihr der Kleinen noch nicht gewünscht habt, ist der Spaß am Leben und an der Lust.«
Sie legte ihre Hände um ihre Brüste, streichelte sich selbst über ihre Rundungen und leckte sich lüstern über die Lippen. Dabei drückte sie den Rand der viel zu knapp geschnittenen Korsage leicht herab und ihre dunklen vollen Knospen kamen zum Vorschein. »Seht her. Dies ist die Quelle der Muttermilch, mit der alles beginnt. Und dies ist auch die Quelle der Lust, mit der wir die Männer verführen. Ich wünsche der kleinen Rose nur eines: einen üppigen Busen und viel Freude an der Lust. Ihre Weiblichkeit wird mit fünfzehn erwachen und ab da soll sie die Männer verführen, jeden Tag einen anderen.«
Sie lachte schrill, trampelte mit den Füßen auf den Boden, dann stürmte sie wie eine Furie hinaus. »Eine Hure soll sie werden! Von ihrer Begierde und der Leidenschaft nach einem Schwanz beherrscht!«
Eleonora brach vor Schreck ohnmächtig in Gregorys Armen zusammen und kam nur langsam wieder zu sich, nachdem eine der Tanten ihr ein Fläschchen mit Riechsalz unter die Nase gehalten hatte.
»Tu doch was!«, zischte Gregory der zwölften Tante entgegen, die ebenso bleich wie alle anderen auf die Tür starrte, durch die Morgana verschwunden war. »Du musst die Situation retten! Dein Wunsch ist noch nicht ausgesprochen. Unsere Tochter soll ein sittsames Mädchen werden!«
Zaghaft klatschte die zwölfte Tante in die Hände, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. »Das hat Morgana gewiss nicht so gemeint«, versicherte sie mit zittrigem Lächeln, »Aber um ganz sicher zu gehen, dass unser Röschen kein böser Fluch heimsucht, werde ich Morganas Wunsch entkräften. Ich wünsche unserem Röschen einen liebevollen und treuen Ehemann und falls sie doch auf die Idee kommen sollte, Sex vor der Ehe haben zu wollen, soll sie vorher lieber in einen Hundertjährigen Schlaf fallen!«
Alle lachten über diesen Wunsch, als sei er ein guter Scherz, und die Gemüter entspannten sich, nur Gregory nahm die Tante wütend beiseite. »Was war das denn für ein Blödsinn?«
Sie zuckte ein wenig beleidigt über seine Undankbarkeit mit den Schultern. »Mir ist halt im Augenblick nichts Besseres eingefallen …«

© Sira Rabe