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hair saloonLiebe ist eine zeitlose Macht, die einen glücklich oder unglücklich machen kann. Auf jeden Fall ist Liebe voller Spannung, wirbelt das Leben durcheinander und vollbringt Unerwartetes. So erleben es auch meine Protagonisten ...

Verführung der Unschuld

Lilly Grünberg

Verführung der Unschuld

"Wohin gehen wir?"
Lorenzo war nach dem ausgiebigen Diner auf einmal aufgestanden und hatte Giulia aufgefordert, mit ihm einen abendlichen Spaziergang zu machen. Sie verspürte dazu überhaupt keine Lust. Aber die Autorität, die beide wie auf Knopfdruck auszustrahlen vermochten, erstickte jede Frage, jeden Widerspruch.
Es war bereits dunkel, aber immer noch sehr warm. Die Hitze, die von der Sonne tagsüber in Asphalt, Hauswände, Dächer eingespeist worden war, sorgte nun für angenehme Temperaturen. Nur zum Schlafen würde es zu warm sein, aber glücklicherweise verfügte das Hotel über eine Klimaanlage in den Zimmern, so dass nur sie selbst sich gegenseitig in ihrem Liebestaumel in Hitzewallungen versetzen würden.
"Wohin gehen wir?", fragte Giulia erneut, während sie sich Mühe gab, auf ihren hochhackigen Sandaletten mit ihm Schritt zu halten. Bei Nacht sah alles anders aus als tagsüber und sie hatte keine Ahnung, wohin sie unterwegs waren. Und außerdem - warum war Federico nicht mitgekommen?
Lorenzo hatte sie fest an der Hand genommen, als befürchtete er, sie könne ihm davon laufen. Eine absurde Idee. Im Augenblick fühlte sie sich wie ein Kind, das man energisch mit sich irgendwohin zieht, wo es möglicherweise aber gar nicht hin will.
"Wohin?", fragte sie ungeduldig.
"Lass dich überraschen!" Lorenzo blieb abrupt stehen. Sein Gesicht war kaum zu erkennen, denn die nächste Straßenlaterne befand sich in seinem Rücken. "Bist du gehorsam?"
"Ja - warum?", erwiderte Giulia verblüfft.
"Gut", erwiderte er und ging weiter. "Wir werden sehen …"
Sein geheimnisvolles Getue und seine fast flüsternde, verschwörerisch klingende Stimme jagte Giulia einen prickelnden Schauer den Rücken herunter. Dann, als sie die Straße überquerten, wusste sie mit einem Male, wohin sie unterwegs waren: zur antiken Stadt. Aber was wollte er dort, in Pompeji, um diese Uhrzeit?
Die letzten Meter versanken in der Dunkelheit. Zwei der Straßenlaternen waren ausgefallen. Aus dem Nichts blitzte eine Taschenlampe auf.
"Signor Moreno? Sind Sie das?"
"Ja. Ist alles vorbereitet?"
"Si, certo. Ich hoffe, Sie sind zufrieden."
Der Mann, den Giulia in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, reichte Lorenzo die Taschenlampe. Das Eingangstor wurde geöffnet, und Giulia wurde von Lorenzo hinter ihm her gezogen, durch die Porta Marina, ehe sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte.
"Aber - was machen wir hier, was hat das zu bedeuten, wer …" , sprudelten die Fragen aus ihrem Mund, als sie sich gefangen hatte.
"Keine Fragen!", brummte er und ging weiter. An der Straßenecke zum Forum und weiter die Seitenstraße entlang brannten ein paar auf den Fußweg gestellte Teelichter und wiesen ihnen den Weg durch die Dunkelheit.
Giulia stolperte auf dem buckligen Weg. Lorenzo fing sie gerade noch auf, bevor sie gestürzt wäre. "Hoppla! Am besten, du ziehst deine Schuhe aus und trägst sie!"
Giulia gehorchte. Er wartete, bis sie fertig war, nahm sie wieder an der Hand und ging weiter. Die Steine unter den Füßen waren noch warm und von den vielen Fuhrwerken in alter, und den Fußgängern in neuer Zeit, glatt geschliffen.
Dann erkannte Giulia die Hausecke wieder. Eine an der Wand angebrachte Fackel beleuchtete einen der Eingänge. Lorenzo blieb stehen und deutete hinein. Seine Geste war eindeutig.
Giulia sah ihn an und fragte zweifelnd: "Was, was soll ich da drin? Was hat das zu bedeuten?"
Er lachte amüsiert auf. "Nach was sieht es denn aus?"
Giulia zuckte mit den Schultern. "Es ist das - ähm, das Bordell, das wir heute Nachmittag angeschaut haben." Ihr wurde heiß, aber es war nicht die Wärme der Tages, die in den Wänden der Ruine gespeichert war und jetzt von ihnen abgegeben wurde. "Richtig."
"Ja - aber ich verstehe nicht, was ich dort soll."
Er kicherte wissend. "Na - arbeiten natürlich, meine Süße! Deinen Lebensunterhalt verdienen und deine Reisekosten abarbeiten!"
"Waaas?" Giulia machte einige Schritt rückwärts, instinktiv zur Flucht bereit. Ihr Herz drohte vor Schreck auszusetzen.
"Halt, halt, nicht weglaufen! Rein mit dir, deine Kammer ist für dich bereitet! Und schön gehorsam sein - verstanden!"
Er setzte ihr nach, packte sie am Handgelenk und schob sie energisch hinein. Giulia drehte sich mit ehrlichem Entsetzen auf dem Gesicht wieder zu ihm um, um ihm zu widersprechen, doch nun erkannte sie im Lichtschein der Fackel seine Absichten. Sie waren hier, um ein sinnliches Spiel miteinander zu spielen.
Ein lauernder, amüsierter Ausdruck lag auf seinem Gesicht, ein kaum zurückgehaltenes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Plötzlich jagte ein erwartungsvoller Schauer über ihren Körper, und sie unterdrückte ihren Widerspruch.
Gehorsam drehte sie sich um und folgte mit schwingenden Hüften dem flackernden Licht, das aus einer der Zellen ins Atrium fiel. Alles andere rundum war stockfinster. Der Boden fühlte sich kühler an als draußen. Sie spürte das kleinteilige Mosaik und den darauf liegenden Staub unter ihren Fußsohlen.
Der Anblick der Kammer selbst verschlug Giulia die Sprache. Sie setzte, langsam wie ein Eindringling, einen Schritt vor den anderen, drehte sich, um alles zu erfassen, war überwältigt von den Veränderungen, die der Raum seit dem Nachmittag erfahren hatte. Von dem steinernen Bett war nicht mehr zu sehen als sein breiter Umriss. Rote Kissen, einfarbig oder mit aufgestickten Ornamenten und Borten schmückten die große Fläche, rote Decken umhüllten vollständig den rechteckigen Klotz. Unter den Decken befand sich irgendein hohes weiches Polster, über dessen Inhalt Giulia mutmaßte, dass es sich um Schaumstoff handelte, denn für ein Strohlager war es zu weich und zu glatt, wie ein Test mit ihrer Hand ergab.
Entlang der Wand waren Dutzende Teelichter in bunten Gläsern aufgestellt, die Licht für mehrere Stunden spenden würden. Beistelltische mit einer Rotweinkaraffe, Trinkbechern aus Zinn, eine große Schale mit Obst, eine Platte mit Käse und Oliven, rundeten das einladende Bild ab, in der hinteren Zimmerecke standen zwei große Wasserkannen, und auf einem eisernen Gestell eine Waschschüssel.
"Wie heißt du?"



Giulia fuhr erschrocken herum.
In der Tür stand ein Mann, der sein Gesicht hinter einem Zipfel des schwarzen Umhangs verbarg, den er über den Schultern trug, und mit einer Hand vor sich empor hielt. Er wirkte gespenstisch, hob sich kaum vom dunklen Hintergrund ab. Nur seine Augen waren zu erkennen, stachen aus dem Umriss einer ebenfalls schwarzen Maske hervor und blickten Giulia über den Rand des Umhangs hinweg an.
"Giulia", stieß sie nervös hervor.
"Gut, dann bin ich ja hier richtig."
Seine Stimme klang tief, sonor, irgendwie ein wenig fremd.
"Lorenzo? Bist du das?", fragte Giulia daher verunsichert.
"Wer?"
Giulias Herz fing unruhig an zu pochen.
"Du bist doch Lorenzo - oder?"
Alles in ihr zog sich krampfartig zusammen, und ihr versagte beinahe die Stimme. Er hatte die Sache mit dem Bordell doch wohl nicht ernst gemeint und verkaufte sie in dieser Nacht an wildfremde Männer? Das alles war doch hoffentlich nur ein Spiel?
Der Fremde nahm den Umhang ab und warf ihn auf eines der Sitzkissen. "Lorenzo?", krächzte er verächtlich. "Wer ist das? Wie viele Freier wirst du heute Nacht noch bedienen? Ich dachte, ich hätte dich für mich ganz alleine gebucht? Schließlich habe ich deinem Beschützer eine Menge Geld bezahlt! Und du willst sicherlich auch noch etwas haben."
Entsetzen und Abwehr machte sich auf Giulias Gesicht breit. Sie fröstelte. Verstellte Lorenzo seine Stimme, oder hatte Federico sich verkleidet, oder war dies wirklich ein Fremder? Automatisch wich sie zwei Schritte zurück und wurde sich dann bewusst, dass sie nirgendwohin ausweichen konnte. Der einzige Ausgang wurde von diesem Mann versperrt, den sie nicht kannte. Seine dunkelblonden Haare fielen ihm in großen Locken bis auf die Schultern herunter, und seine Lippen waren hinter einem dichten Vollbart verborgen.
Er zog einen ledernen Beutel aus dem bodenlangen Gewand aus wollweißem Leinen, das nur von einem breiten Ledergürtel um die Hüften gehalten wurde und einen überaus üppigen runden Bauch stützte, und warf ihn ihr beinahe verächtlich vor die Füße. Das klingende Geräusch von Münzen war zu hören.
"Hier, das sollte wohl genügen! Und nun zieh dich aus und lass uns endlich beginnen! Schließlich bin ich hergekommen, um mich mit dir zu vergnügen." Er lachte dröhnend. "Also los, zeig mir deinen Körper."
Giulia schwankte zwischen Erheiterung und Angst. Einerseits wirkte der Mann sehr komisch, wie er da in diesem altmodischen Gewand aus der Zeit Pompejis und in einfachen, bis über die Waden hoch geschnürten Sandalen vor ihr stand. Andererseits war sie verunsichert, ob das alles trotz der Aufmachung doch ernst gemeint war. Musste sie nun wirklich ihren Tribut an der kleinen Urlaubsreise entrichten?
"Nun, was ist jetzt? Ich habe mir sagen lassen, du seiest eine Meisterin der Lust! Dann beweis es mir - jetzt!"
Drohend kam er ein paar Schritte näher auf Giulia zu.
Es würde keinen Sinn haben zu schreien. Lorenzo selbst hatte sie hierher gebracht, er würde ihr folglich nicht zu Hilfe eilen. Was hatte er sich nur dabei gedacht, sie in diese missliche Lage zu bringen? Und sie war alles andere als eine Meisterin - obgleich sie in den letzten Wochen viel darüber gelernt hatte, was Männer in Stimmung brachte.
Er wirkte ungeduldig. Giulia war wie erstarrt. Ob es ihr gelingen würde, den Mann auf das Bett zu locken und dann aus dem Raum zu laufen? Zu viele Fragen schossen ihr durch den Kopf und hinderten sie daran, klar nachzudenken.
Schritt um Schritt kam er näher und dann war es auf einmal zu spät, um zu reagieren. Er umarmte sie, hielt sie mit der einen Hand fest, sie fühlte seine zupackenden Finger auf ihrem Gesäß, während seine andere Hand ungeniert und fordernd nach ihrer Brust grapschte, zielstrebig ihre Knospe entdeckte und zwirbelte.
Sie wehrte sich verzweifelt, versuchte ihn von sich zu drücken, presste beide Hände und Unterarme gegen seine Brust. Aber er war viel stärker als sie, schob sie entschlossen rückwärts zum Bett. Sie atmete tief ein und versuchte ihre Kräfte zu bündeln. Freiwillig würde sie sich ihm nicht hingeben, nein, sie würde versuchen, ihn mit dem Knie in seine empfindlichsten Teile zu treten, und wenn es das Letzte war, was sie zur Verteidigung ihrer Ehre unternahm …

© Sira Rabe