^Back To Top
foto1 foto2 foto3 foto4 foto5 foto6 foto7 foto8 foto9 foto10

hair saloonLiebe ist eine zeitlose Macht, die einen glücklich oder unglücklich machen kann. Auf jeden Fall ist Liebe voller Spannung, wirbelt das Leben durcheinander und vollbringt Unerwartetes. So erleben es auch meine Protagonisten ...

Verführung der Unschuld

Lilly Grünberg

Verführung der Unschuld

"Wohin gehen wir?"
Lorenzo war nach dem ausgiebigen Diner auf einmal aufgestanden und hatte Giulia aufgefordert, mit ihm einen abendlichen Spaziergang zu machen. Sie verspürte dazu überhaupt keine Lust. Aber die Autorität, die beide wie auf Knopfdruck auszustrahlen vermochten, erstickte jede Frage, jeden Widerspruch.
Es war bereits dunkel, aber immer noch sehr warm. Die Hitze, die von der Sonne tagsüber in Asphalt, Hauswände, Dächer eingespeist worden war, sorgte nun für angenehme Temperaturen. Nur zum Schlafen würde es zu warm sein, aber glücklicherweise verfügte das Hotel über eine Klimaanlage in den Zimmern, so dass nur sie selbst sich gegenseitig in ihrem Liebestaumel in Hitzewallungen versetzen würden.
"Wohin gehen wir?", fragte Giulia erneut, während sie sich Mühe gab, auf ihren hochhackigen Sandaletten mit ihm Schritt zu halten. Bei Nacht sah alles anders aus als tagsüber und sie hatte keine Ahnung, wohin sie unterwegs waren. Und außerdem - warum war Federico nicht mitgekommen?
Lorenzo hatte sie fest an der Hand genommen, als befürchtete er, sie könne ihm davon laufen. Eine absurde Idee. Im Augenblick fühlte sie sich wie ein Kind, das man energisch mit sich irgendwohin zieht, wo es möglicherweise aber gar nicht hin will.
"Wohin?", fragte sie ungeduldig.
"Lass dich überraschen!" Lorenzo blieb abrupt stehen. Sein Gesicht war kaum zu erkennen, denn die nächste Straßenlaterne befand sich in seinem Rücken. "Bist du gehorsam?"
"Ja - warum?", erwiderte Giulia verblüfft.
"Gut", erwiderte er und ging weiter. "Wir werden sehen …"
Sein geheimnisvolles Getue und seine fast flüsternde, verschwörerisch klingende Stimme jagte Giulia einen prickelnden Schauer den Rücken herunter. Dann, als sie die Straße überquerten, wusste sie mit einem Male, wohin sie unterwegs waren: zur antiken Stadt. Aber was wollte er dort, in Pompeji, um diese Uhrzeit?
Die letzten Meter versanken in der Dunkelheit. Zwei der Straßenlaternen waren ausgefallen. Aus dem Nichts blitzte eine Taschenlampe auf.
"Signor Moreno? Sind Sie das?"
"Ja. Ist alles vorbereitet?"
"Si, certo. Ich hoffe, Sie sind zufrieden."
Der Mann, den Giulia in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, reichte Lorenzo die Taschenlampe. Das Eingangstor wurde geöffnet, und Giulia wurde von Lorenzo hinter ihm her gezogen, durch die Porta Marina, ehe sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte.
"Aber - was machen wir hier, was hat das zu bedeuten, wer …" , sprudelten die Fragen aus ihrem Mund, als sie sich gefangen hatte.
"Keine Fragen!", brummte er und ging weiter. An der Straßenecke zum Forum und weiter die Seitenstraße entlang brannten ein paar auf den Fußweg gestellte Teelichter und wiesen ihnen den Weg durch die Dunkelheit.
Giulia stolperte auf dem buckligen Weg. Lorenzo fing sie gerade noch auf, bevor sie gestürzt wäre. "Hoppla! Am besten, du ziehst deine Schuhe aus und trägst sie!"
Giulia gehorchte. Er wartete, bis sie fertig war, nahm sie wieder an der Hand und ging weiter. Die Steine unter den Füßen waren noch warm und von den vielen Fuhrwerken in alter, und den Fußgängern in neuer Zeit, glatt geschliffen.
Dann erkannte Giulia die Hausecke wieder. Eine an der Wand angebrachte Fackel beleuchtete einen der Eingänge. Lorenzo blieb stehen und deutete hinein. Seine Geste war eindeutig.
Giulia sah ihn an und fragte zweifelnd: "Was, was soll ich da drin? Was hat das zu bedeuten?"
Er lachte amüsiert auf. "Nach was sieht es denn aus?"
Giulia zuckte mit den Schultern. "Es ist das - ähm, das Bordell, das wir heute Nachmittag angeschaut haben." Ihr wurde heiß, aber es war nicht die Wärme der Tages, die in den Wänden der Ruine gespeichert war und jetzt von ihnen abgegeben wurde. "Richtig."
"Ja - aber ich verstehe nicht, was ich dort soll."
Er kicherte wissend. "Na - arbeiten natürlich, meine Süße! Deinen Lebensunterhalt verdienen und deine Reisekosten abarbeiten!"
"Waaas?" Giulia machte einige Schritt rückwärts, instinktiv zur Flucht bereit. Ihr Herz drohte vor Schreck auszusetzen.
"Halt, halt, nicht weglaufen! Rein mit dir, deine Kammer ist für dich bereitet! Und schön gehorsam sein - verstanden!"
Er setzte ihr nach, packte sie am Handgelenk und schob sie energisch hinein. Giulia drehte sich mit ehrlichem Entsetzen auf dem Gesicht wieder zu ihm um, um ihm zu widersprechen, doch nun erkannte sie im Lichtschein der Fackel seine Absichten. Sie waren hier, um ein sinnliches Spiel miteinander zu spielen.
Ein lauernder, amüsierter Ausdruck lag auf seinem Gesicht, ein kaum zurückgehaltenes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Plötzlich jagte ein erwartungsvoller Schauer über ihren Körper, und sie unterdrückte ihren Widerspruch.
Gehorsam drehte sie sich um und folgte mit schwingenden Hüften dem flackernden Licht, das aus einer der Zellen ins Atrium fiel. Alles andere rundum war stockfinster. Der Boden fühlte sich kühler an als draußen. Sie spürte das kleinteilige Mosaik und den darauf liegenden Staub unter ihren Fußsohlen.
Der Anblick der Kammer selbst verschlug Giulia die Sprache. Sie setzte, langsam wie ein Eindringling, einen Schritt vor den anderen, drehte sich, um alles zu erfassen, war überwältigt von den Veränderungen, die der Raum seit dem Nachmittag erfahren hatte. Von dem steinernen Bett war nicht mehr zu sehen als sein breiter Umriss. Rote Kissen, einfarbig oder mit aufgestickten Ornamenten und Borten schmückten die große Fläche, rote Decken umhüllten vollständig den rechteckigen Klotz. Unter den Decken befand sich irgendein hohes weiches Polster, über dessen Inhalt Giulia mutmaßte, dass es sich um Schaumstoff handelte, denn für ein Strohlager war es zu weich und zu glatt, wie ein Test mit ihrer Hand ergab.
Entlang der Wand waren Dutzende Teelichter in bunten Gläsern aufgestellt, die Licht für mehrere Stunden spenden würden. Beistelltische mit einer Rotweinkaraffe, Trinkbechern aus Zinn, eine große Schale mit Obst, eine Platte mit Käse und Oliven, rundeten das einladende Bild ab, in der hinteren Zimmerecke standen zwei große Wasserkannen, und auf einem eisernen Gestell eine Waschschüssel.
"Wie heißt du?"

© Sira Rabe