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hair saloonLiebe ist eine zeitlose Macht, die einen glücklich oder unglücklich machen kann. Auf jeden Fall ist Liebe voller Spannung, wirbelt das Leben durcheinander und vollbringt Unerwartetes. So erleben es auch meine Protagonisten ...

Karpatenfürst - Seite 3

Während sie verzweifelt darum bemüht war, ihre Fassung zurückzugewinnen, näherten sich feste Schritte durch den langen Korridor. Auch das noch! Hatte Valerij mithilfe seiner Gedanken seine Gefährten gerufen, um sie wieder einzusperren? Für eine Flucht war es zu spät, es gab nur den von den Statuen gesäumten Gang zur Tür, wo sie den Vampiren direkt in die Arme laufen würde oder alternativ die Flucht zu Valerij hinter den Paravent. Welch grandiose Aussichten. Der Karpatenfürst würde ihr spöttisch zulächeln und vielleicht sogar von ihr verlangen, an dem Liebesspiel teilzunehmen. Bei diesem Gedanken schüttelte es sie. Nie würde sie einen Mann mit einer anderen teilen.
Zu ihrem Erstaunen nahmen die beiden hereinstürmenden Vampire keine Notiz von ihr, sondern eilten direkt zum Karpatenfürsten. Sie wirkten sehr aufgeregt und begrüßten ihn nur mit einer knappen Verbeugung, bevor der Schmächtige das Wort an seinen Herrn richtete. „Verzeiht die Störung, Durchlaucht, aber unsere Nachricht duldet keinen Aufschub.“Valerij cel Bâtrân fluchte leise, während das Mädchen enttäuscht seufzte.
Daniela konnte nicht verleugnen, wie sehr sie diese Unterbrechung begrüßte, weil das Treiben der beiden ein jähes Ende genommen hatte.
Valerij cel Bâtrâns Miene verdüsterte sich, als er seine Gefährten anblickte.
„Ihr platzt in meine Gemächer ohne Erlaubnis und erwartet, dass ich euch zuhöre?“, donnerte der Fürst los und schubste das Mädchen, das immer noch über seinen Knien hing, von seinem Schoß hinunter. Sie zog einen Schmollmund, hob ihr Mieder auf und bedeckte damit ihre Blöße.
„Bitte, verzeiht …“, stammelte der Vampir mit der Glatze.
„Herrgott, nun kommt zur Sache, damit ich mit meinen Vergnügungen fortfahren kann. Was ist so wichtig, dass es nicht warten kann?“
Valerij stellte sich vor seine beiden Gefährten. Er überragte beide um einen Kopf und mit seinem finsteren Gesichtsausdruck wirkte er nicht nur auf Daniela Respekt einflößend. Die beiden Vampire senkten ihre Blicke und nestelten nervös an ihren Hüten. „Prinz Razvans Rudel hat Bukarest verlassen und nähert sich unserer Grenze. Sie haben einige Dörfer verwüstet und zwingen die Bauern, sich ihnen zu unterwerfen.“
Vampire versetzten die Menschen schon genug in Angst und Schrecken, aber jetzt auch noch Werwölfe? Daniela dachte an ihre Begegnung mit dem Werwolf zurück und die Angst, die sie empfunden hatte, kehrte schlagartig zurück. Bis auf dieses eine Erlebnis besaß sie keinerlei Erfahrung mit Werwölfen, aber das reichte ihr. Weitere Gräueltaten kannte sie nur aus Erzählungen, weshalb es ihr vor einem Kampf mit ihnen grauste. Auch weil sie diese Kreaturen nicht einschätzen konnte.
„Wie konntet ihr das zulassen?“, rief der Karpatenfürst und schnaubte vor Wut. Starr stand er da und fixierte sie, als könnte sein Blick die beiden durchbohren. Die Mienen der Vampire verzerrten sich, und sie griffen sich an die Kehle. Plötzlich gingen sie in die Knie und röchelten. Dellen zeichneten sich an ihren Hälsen ab, als drücke eine unsichtbare Hand ihren Hals zusammen. Das konnte nicht möglich sein und doch sah sie es vor sich.
Valerij cel Bâtrâns geistiges Potenzial übertraf alles, was sie je gesehen hatte. Es war ihm möglich, allein durch die Kraft seiner Gedanken den Vampiren die Kehlen zuzudrücken. Wozu war dieser Vampir noch fähig? Sie fröstelte angesichts der Fähigkeiten, die die eines gewöhnlichen Vampirs überstiegen.
„Hatte ich euch nicht befohlen, die Grenze zu bewachen? Und was habt ihr getan?
Meinen Befehl missachtet. Stattdessen habt ihr eurer Wollust gefrönt. Ihr braucht es gar nicht zu leugnen, denn ich weiß genau, dass ihr wieder bei den Huren gewesen seid. Noch immer haftet an euch der Geruch ihres schalen Bluts.“ Er beugte sich vor und schnupperte wie ein Raubtier, das Witterung aufnahm. Seine Stimme klang tief und verzerrt, wie die eines Dämons und trieb Daniela eiskalte Schauder über den Rücken. Die Augen der Vampire traten hervor, und ihre Fänge schoben sich aus dem Kiefer. Unerwartet entspannten sie sich, denn Valerij cel Bâtrân wandte sich um. Die beiden sackten auf die Knie und rieben sich ihre Hälse.
„Ja“, gaben die beiden keuchend zu.
„Ihr brecht noch heute Nacht auf, um Razvans Gefolge zu stoppen. Solltet ihr euch erneut meinem Befehl widersetzen, lasse ich euch an einem Pfahl in der Sonne schmoren.“
Die Vampire fielen vor ihm auf den Boden. Daniela bewegten die widersprüchlichsten Gefühle. Eben noch war der Fürst ein liebevoller und einfühlsamer Liebhaber gewesen und nun unerbittlich und ohne Gnade gegenüber seinen Gefolgsleuten.
„Mein Herr, das könnt Ihr nicht tun. Wie können wir zu zweit die Werwölfe stoppen?“, fragte der Schmächtige mit heiserer Stimme.
„Das ist doch Wahnsinn, Durchlaucht. Wir haben keine Chance gegen sie. Bitte, habt doch ein Einsehen. Wir bereuen unsere Schwäche zutiefst“, pflichtete der andere seinem Kumpan bei.
Der Schmächtige zitterte, und Daniela glaubte, ein feuchtes Schimmern in seinen Augen zu sehen. Aber Vampire konnten doch nicht weinen, oder? Jedenfalls hatte sie nie dergleichen erlebt. Der andere wirkte wie erstarrt. Nicht einmal ein Fingerglied rührte sich.
Daniela musste zugeben, dass auch sie sich anstelle der Vampire vor Valerij cel Bâtrân gefürchtet hätte, der wie ein Racheengel vor seinen Gefährten stand und auf sie hinabblickte als wären sie Wanzen, die es zu zertreten galt.
„Das hättet ihr euch früher überlegen sollen. Aus meinen Augen!“, brüllte er. „Und wagt es ja nicht, hierher zurückzukehren, ohne den Auftrag erfüllt zu haben. Eine Flucht ist zwecklos, ihr entkommt mir nicht. Und jetzt geht endlich!“
‚Eine Flucht ist zwecklos, ihr entkommt mir nicht‘, diese Worte dröhnten weiter in ihrem Kopf wie ein unheimliches Echo und ließen ihr die eigene Lage wieder bewusst werden.
Gab es wirklich kein Entrinnen? Diese Vorstellung raubte jegliche Hoffnung. Schweigend verließen die Vampire den Raum.
Das Mädchen, das die ganze Zeit gelangweilt auf dem Diwan gesessen und alles beobachtet hatte, glaubte nun, das Liebesspiel wieder fortzusetzen und legte den Arm um den Nacken des Karpatenfürsten. Mit einer unwilligen Geste streifte er ihn ab, dass sie nach hinten fiel. Unter seiner Oberlippe kamen die Spitzen seiner Fangzähne zum Vorschein.
„Es ist besser, wenn du ebenfalls gehst, sonst vergesse ich mich noch und lasse dich meine Wut spüren“, sagte er und fauchte. Die Augen der Blonden weiteten sich vor Entsetzen.
Daniela konnte ihren Angstschweiß riechen. Das rüde Verhalten cel Bâtrâns bestürzte sie. So würde er sie also auch fortstoßen, wenn er in Rage geriet oder genug von ihr hatte. Die Vorstellung versetzte ihr einen Stich, und sie schluckte gegen den plötzlichen Kloß in ihrem Hals an. Die Blonde sprang auf, griff schluchzend nach ihrer Unterwäsche und eilte hinaus in den Korridor. Wie betäubt verharrte Daniela auf der Stelle, obwohl alles in ihr danach drängte, wie die andere aus dem Raum zu flüchten. Der Marmor unter ihren Händen fühlte sich noch eine Nuance kälter an. Jetzt war sie mit ihm allein, ein äußerst beunruhigendes Gefühl, das ihr Herz rasen ließ.
„Ich weiß, dass du dich hinter der Statue versteckst“, hörte sie ihn sagen und schrak zusammen.

© Sira Rabe